Freiburg 2011

Jahreskonferenz 2011 der Dramaturgischen Gesellschaft (dg) in Freiburg mit Rekordbeteiligung erfolgreich beendet

"Wer ist wir? Theater in der interkulturellen Gesellschaft". Unter dieser Fragestellung diskutierten über 230 Teilnehmer mit 40 Referenten vom 27. – 30. Januar 2011 auf Einladung des Theaters Freiburg und seiner Intendantin Barbara Mundel über die Aufgaben und Herausforderungen des Theaters in der sich dramatisch verändernden Gesellschaft. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Vielfältigkeit der Einwanderungsgesellschaft sich noch zu wenig in den Programmen und Ensembles insbesondere der Stadttheater widerspiegelt, präsentierten und analysierten die Konferenzteilnehmer Strategien für eine interkulturelle Öffnung. Dabei wurde deutlich, dass dieser Öffnungsprozess sich vor allem in der künstlerischen Arbeit selbst vollziehen sowie als Kernaufgabe der Theater verstanden werden muss und nicht auf „Sonderprojekte“ oder „Vermittlungsarbeit“ beschränkt bleiben darf. Überholte Konzepte wie „Integration“ und „Leitkultur“ müssen durch neue kulturelle Leitbilder ersetzt werden, die auf der Anerkennung von Verschiedenheit, Barrierefreiheit und Chancengleichheit beruhen.

Der Soziologe Dirk Baecker bezeichnete es in seinem Eröffnungsvortrag als eine große Chance des Theaters, in einer von Globalisierung, Migration und Digitalisierung geprägten Gesellschaft die Funktion einer „Schule der Weltkultur“ zu übernehmen. Das Theater müsse lernen, die Auswirkungen dieser Prozesse auf die Bühne zu bringen. Zugleich könne es aber auch Erkenntnisse über diese Prozesse vermitteln und gleichsam als „Pausenhof“ den Austausch verschiedenster gesellschaftlicher Kräfte ermöglichen.

Um Chancengleichheit und Möglichkeiten zur Partizipation für die gesamte Gesellschaft zu erreichen, betonte der Autor Mark Terkessidis die Notwendigkeit, die Spielpläne, den Personalbestand und die Zusammensetzung des Publikums der Theater dahingehend zu überprüfen, ob und welche Bevölkerungsgruppen bisher ausgeschlossen werden. Terkessidis erteilte außerdem dem Begriff „Integration“ eine deutliche Absage, da es nicht darum gehe, die Gesellschaft zu homogenisieren, sondern vielmehr nach neuen Formen der Begegnung zu suchen.

Die Soziologin Martina Löw hob die Bedeutung der Theater für die Identität der Städte hervor, wenn es dem Theater gelingt, die konkreten Bedingungen und Heraus-forderungen der jeweiligen Stadtgesellschaft aufzugreifen und künstlerisch zu verarbeiten. Dem schloss sich der belgische Dramaturg Ivo Kuyl vom Königlich Flämischen Theater (KVS) in Brüssel an. Er forderte die Theater auf, die jeweils spezifische Situation in ihrer eigenen Stadt genau zu untersuchen, die eigenen Strukturen radikal in Frage zu stellen und mit wechselnden Kuratoren statt Dramaturgen, Spezialisten statt Ensembles und Künstlern verschiedenster Herkunft und Disziplinen auf die verschiedenen städtischen Publikumsgruppen zuzugehen.

In neuen partizipativen Gesprächsformaten wie World Café, Tischgesprächen und einem Open Space diskutierten Dramaturgen, Regisseure und Studierende im Dialog mit Künstlern, Theoretikern und Politikern Modelle interkultureller Theaterarbeit. Sie forderten, bestehende Strukturen zu verflüssigen, um mit maßgeschneiderten Angeboten den Kunstauftrag für eine Gesellschaft im radikalen demographischen Wandel zu erfüllen. Kontrovers beurteilt wurden Quoten für interkulturelle Ensembles und Stoffe.

Beim traditionellen Empfang der Bühnenverleger wurde Wolfram Lotz vorgestellt. Lotz ist mit seinem Stück „Der große Marsch“ Gewinner des Kleist-Förderpreises für junge Dramatiker 2011, der von der Dramaturgischen Gesellschaft gemeinsam mit der Stadt Frankfurt / Oder und dem dortigen Kleist-Forum verliehen wird.

Unter dem Titel „Jenseits von Multi-Kulti und Leitkultur: Auf dem Weg zur interkulturellen Gesellschaft“ forderten in der Abschlussdiskussion am Sonntag die Leiterin des postmigrantischen Theaters „Ballhaus Naunynstrasse“ in Berlin Shermin Langhoff, die Kulturberaterin Tina Jerman und der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, die gegenwärtige vielfältige Gesellschaft in unserem Land in ihrer Komplexität abzubilden, den literarischen Kanon auf seine Tauglichkeit für die Gegenwart hin zu überprüfen und unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte neue Geschichten und Formen des Theaters zu erfinden. Sie riefen die Politik dazu auf, die interkulturelle Öffnung explizit als Auftrag für die Kulturinstitutionen zu formulieren.

In der Mitgliederversammlung wurde der Stuttgarter Schauspieldramaturg und Projektleiter Christian Holtzhauer zum neuen Vorsitzenden der Dramaturgischen Gesellschaft gewählt. Peter Spuhler (designierter Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe) hatte sein Amt nach 13 Jahren Vorstandsarbeit abgegeben. Er wurde noch während der Konferenz zum Ehrenmitglied ernannt. Der neue Vorstand besteht aus der stellvertretenden Vorsitzenden Birgit Lengers (Deutsches Theater Berlin), Uwe Gössel (Berliner Festspiele), Jan Linders (Heidelberger Theater), Amelie Mallmann (Theater an der Parkaue Berlin), sowie den neu gewählten Mitgliedern Natalie Driemeyer (Stadttheater Bremerhaven) und Jörg Vorhaben (Oldenburgisches Staatstheater).

Die dg verzeichnet mit über 100 neuen Mitgliedern auf nunmehr 580 erneut eine Vergrößerung und Verjüngung, die ebenso Ausweis ihrer Relevanz ist wie der Rekordbesuch der Jahreskonferenz.

Ermöglicht wurde die Jahreskonferenz 2011 durch großzügige Förderung des Theaters Freiburg, des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, den Deutschen Bühnenverein sowie dessen Landesverband Baden-Württemberg. Das Gastspiel „ArabQueen“ des Berliner Ensembles „Heimathafen Neukölln“ wurde unterstützt durch das Nationale Performance Netz (NPN), das Kulturamt der Stadt Freiburg, das Theater Freiburg sowie das Theater im Marienbad, Freiburg.

Die nächste Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft findet im April 2012 in Zusammenarbeit mit dem Oldenburgischen Staatstheater statt.
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Dirk-Baecker-Wer-ist-WIR-Theater-in-der-interkulturellen-Gesellschaft.pdf [PDF-Datei - 68 KB] download
Mark-Terkessidis-Alte-Strukturen-und-neue-Beduerfnisse.pdf [PDF-Datei - 257 KB] download
Ivo-Kuyl-Theater-zwischen-Stadt-und-Welt-Ein-Beispiel-aus-Bruessel.pdf [PDF-Datei - 249 KB] download
Miriam-Tscholl-Teilnahme-ist-grundsaetzlich-freiwillig-und-moeglich-Dresdner-Buerger-auf-der-Buehne.pdf [PDF-Datei - 94 KB] download