Freiheiten ausweiten: Jahreskonferenz 2017 und neuer Vorstand DG

01.Feb.2017
Am Sonntag wurde im Rahmen der großen Jahreskonferenz „Körper. Repräsentation. Interaktion. Differenz“ der Dramaturgischen Gesellschaft in Hannover ein neuer Vorsitzender und Vorstand gewählt.

Harald Wolff wurde auf Vorschlag des bisherigen Vorstandes zum neuen Vorsitzenden der Dramaturgischen Gesellschaft gewählt. Uwe Gössel (stellv. Vorsitzende), Kathrin Bieligk und Dorothea Hartmann setzen ihre Vorstandstätigkeit fort, neu in den Vorstand wurden Kerstin Grübmeyer, Karin Kirchhoff und Beata Anna Schmutz gewählt.
Nach insgesamt 12 Jahren im Vorstand, davon sechs als Vorsitzender, stellte sich Christian Holtzhauer auf eigenen Wunsch nicht noch einmal zur Wahl. Auch Natalie Driemeyer, Christa Hohmann und Amelie Mallmann schieden auf eigen Wunsch nach mehrjähriger Vorstandstätigkeit aus dem Vorstand aus.

Der neue Vorsitzende rief dazu auf, zur Stärkung der Zivilgesellschaft Theatermacher*innen aus Polen, Ungarn und der Türkei an deutschsprachige Stadt- und Staatstheater zu engagieren, die in ihren Heimatländern aus den Strukturen getrieben werden. „Theater sind Orte der Zivilgesellschaft. Als Theatermacher muss man für eine freie Gesellschaft kämpfen. Und das heißt, den Blick dorthin zu lenken, wo die Zivilgesellschaft im Moment massiv zurückgedrängt wird.“

Bereits am Freitag hatte der scheidende Vorsitzende, Christian Holtzhauer, einen „neuen, inhaltlich verstandenen Realismus auf dem Theater“ gefordert. „Es tobt ein Kulturkampf, und er wird auf der Ebene des Körperlichen ausgetragen: Sexismus, Rassismus, Ethnozentrismus – eine längst überwunden geglaubte Körperpolitik kehrt mit Macht zurück“, sagte er vor rund 250 Dramaturg*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Es ginge darum, die Begriffe „Macht“, Klasse, „System“, „Verhältnisse“ wieder ernst zu nehmen – nicht nur im Theater, sondern in der Gesellschaft, die abzubilden die Theater für sich beanspruchten. „Wir müssen über das, was wir machen, und die Art und Weise, über unsere eigenen Gewissheiten und Routinen, grundsätzlich nachdenken und uns fragen: Welche Gesetze, welche Machtverhältnisse wirken in der Gesellschaft? Wie verhalten wir uns zu ihnen?“.

Auch Marc Grandmontagne, seit Jahresbeginn Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, verwies mit Sorge auf die wachsende Empfänglichkeit für autoritäre und illiberale Strömungen in Deutschland, Europa und der Welt. "Die Auseinandersetzung um die offene Gesellschaft wird zunehmend auch kulturell geführt. Gerade deshalb sind Theater, Musik und alle anderen Künste aufgefordert, ihre Relevanz in der freiheitlichen Demokratie als Orte gesellschaftlichen Diskurses umso deutlicher herauszuarbeiten", sagte Grandmontagne.

Vier Tage lang hatten sich Dramaturg*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum mit zahlreichen Gästen aus den Künsten und den Wissenschaften im Rahmen der öffentlichen Jahrestagung der dg an der Staatsoper und dem Staatsschauspiel Hannover dem Thema „Körper. Repräsentation. Interaktion. Differenz“ gewidmet. In Keynotes, Workshops, Tischgesprächen, Bewegungsformaten und Gastspielen sind sie dabei Fragen nach der Konstruktion von Normalität (Anne Waldschmidt) nachgegangen, haben sich der Politisierung des Körpers zugewandt (Wladimir Velminski über Piotr Pawlenski) und die Unterschiede zwischen linker und rechter Identitätspolitik untersucht (Elisabeth Schäfer), haben das Avantgarde-Potential erforscht, das sich aus außerordentlichen Körpern ergibt und sich mit der Forderung auseinandergesetzt, die Diversitäten der Körperlichkeiten zusammenzubringen und die Differenz auszuhalten, haben über Cyborgs, Tryborgs und Transhumanismus geredet (Karin Harrasser und Martin Nachbar) und von Wolfram Lotz gelernt, wie aus Widerstand Kunst entsteht – und warum das Theater viel öfter zum Stottern gebracht werden muss.

Christian Holtzhauer sagt rückblickend über seine Zeit an der Spitze des Verbands: „Die dramaturgische Gesellschaft ist so lebendig und sichtbar wie nie zuvor. Die Zahl der Mitglieder hat sich in den vergangenen 12 Jahren mehr als verdoppelt. Die Mitgliedschaft ist jünger, vielfältiger geworden. Die dg hat wichtige inhaltliche Debatten über die Aufgaben des Theaters angestoßen und in jüngster Zeit auch kulturpolitische Akzente gesetzt. Sie ist eine wichtige Stimme in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Ich bedanke mit bei den Mitgliedern für das Vertrauen in den vergangen Jahren und beim Vorstand für die gute Zusammenarbeit und wünsche dem neuen Vorstand sowie dem Vorsitzenden Harald Wolff alles Gute!“

Die Dramaturgische Gesellschaft dankt ihrem Vorsitzenden, Christian Holtzhauer und den scheidenden Vorstandsmitgliedern Amelie Mallmann, Natalie Driemeyer und Christa Hohmann für die vielen aufregenden Jahre ehrenamtlichen Engagements.