Ludwigsburg (Master)

Master Dramaturgie

Die Zukunft hat schon begonnen

Sich mit Dramaturgie befassen, eine Dramaturgie erstellen oder gar dramaturgisch denken sind Aufgabenfelder, die nicht allein auf das Theater beschränkt sind. Hatte Lessing mit der Hamburgischen Dramaturgie seinen Wirkungsbereich auf das Verfassen und Aufführen von Dramen konzentriert, so weitet sich das Aufgabengebiet der Dramaturgie heute gewaltig. Das Theater ist längst aus den Gebäuden in den öffentlichen Raum gezogen und mit ihm die DramaturgInnen. Sie arbeiten neben ihrem ursprünglichen Ort, dem Theater, und der ursprünglichen Tätigkeit als Autoren heute auch als Producer, als Lektorin, als Redakteur, als Kuratoren, im Bereich des Managements, in den Redaktionen der Medien, in Agenturen … - in allem, was der Bereich „»creative producing“« umfasst.

Die Frage, für welchen Markt eine Hochschule ausbildet, ist nicht zu trennen von der, wo wir bereits jetzt schon DramaturgInnen außerhalb des traditionellen Theaterbetriebs finden, vor allem jedoch, was sie >k<als>k< und >k<wie>k< sie ihre Tätigkeit auffassen. Das Wirken von DramaturgInnen ist grundlegend und notwendig, klären sie doch Strukturfragen, Zielsetzungen, die berühmten W-Fragen (wer, wann, was, warum, wie, wo) mit dem Zentrum – warum mache ich das eigentlich? Ausgleichen, Strategien entwickeln um Ideen Form zu geben, Teams zusammenstellen und -halten, den kreativen Ball immer weiterspielen, das sind einige Schwerpunkte im großen Aufgabenfeld der Dramaturgie.

Die Dramaturgen sind an der ADK wohl die Studierenden, die am intensivsten den Campus zwischen Film- und Theaterakademie kreuzen, um den Theorieunterricht in beiden Bildungseinrichtungen wahrzunehmen und so ihre Netzwerke aufzubauen, aber auch ihre Projekte zu verwirklichen. Die Grenzen sind fließend, Arbeits- und Denkweisen, auch neue dramatische Formen längst transmedial. Die Studierenden machen auf der einen Seite die Erfahrung der oft eher hierarchisch gegliederten Arbeit am Theater, auf der anderen erleben sie die kreativen Teams der interaktiven Medien – und lernen so z.B. als Quintessenz einer Kinderbuchadaption in einem nüchternen Betonraum digital Blumen wachsen zu lassen, knobeln im Team tagelang an einer 360°-Projektion für einen interaktiven Bühnenraum oder entwickeln einen interaktiven comic zu den „>k<Räubern>k<, wobei die von Schiller sehr auffällig konstruierten Drehpunkte die Möglichkeit bieten, in die Handlung des Dramas einzugreifen. Diese Potenziale, in einem Seminar zusammengefasst, zeigen die Entdeckungsreise in neue Gefilde, auf die sich das Theater und mit ihm die Dramaturgie derzeit begibt – die Konvergenz mit dem Fremden. Diese ständige Herausforderung der Interdisziplinarität, des Transmedialen, Grenzen nicht als Hindernis sondern als Herausforderung zu sehen, sie überschreiten zu wollen, macht die Dramaturgiestudierenden der ADK in ihrer Ausbildung stark und bereitet sie vor auf ein sich ständig in Bewegung befindendes Arbeitsfeld. Neue Arbeitszusammenhänge und -weisen entdecken und für sich nutzen, neue Kontakte und Netzwerke herstellen, auf neue Wahrnehmungsweisen und Interessen reagieren, das sind Aufgaben, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, um künftig bestehen zu können. Hier ist die junge Generation bereits dabei, den Grundstein für Arbeits-, Umgangs- und Kommunikationsformen der Zukunft zu legen. Wer lernt hier von wem?

Bei aller Öffnung, die die Dramaturgie als Forschungsbereich und Arbeitsfeld in den letzten Jahren erfahren hat, gibt es doch Grundlagen, die weiterhin zur dramaturgischen Ausbildung gehören sollten. Kenntnisse in Theater- und Medientheorie, in historischen Dramaturgien und Literaturen, in Kulturgeschichte und Philosophie, die Fähigkeit zur Analyse und schöpferischen Interpretation bleiben wesentlich für die Ausbildung. Müssen die Studierenden doch primäre Strukturen und Zusammenhänge erkennen und für die künstlerische Arbeit fruchtbar machen können. Diese Kompetenz könnte man in ihrer Gesamtheit »den dramaturgischen Blick« nennen; ein Vermögen, das in der Übung immer wieder auf neue Gegenstände und Formen angewandt wird, das nichts Statisches hat, entsprechend der Variabilität des Marktes. Diese Beweglichkeit, Freiheit und Erfindungsreichtum müssen wie ein Handwerk trainiert und hinterfragt werden. Deshalb baut unsere zweijährige Masterausbildung auf einem geisteswissenschaftlichen Studium auf. Wir sehen die Akademie und in ihr den Studiengang Dramaturgie mit ihrem Bestreben nach interdisziplinärem Arbeiten als ein „»Laboratorium für Theaterformen der Zukunft“«.

Dr. Kerstin Retemeyer, stellvertretende Studiengangsleiterin Dramaturgie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg

http://www.adk-bw.de/dramaturgie.html