Blog

Bilanz-Pressemitteilung der Jahreskonferenz 2026 „Zugänglichkeit für Alle ist kein Luxus, sondern Menschenrecht“

Pressemitteilung 02.03.2026

Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft e.V. (dg) auf Kampnagel widmet sich Inklusion, crip art und Barriereabbau

 Unter dem Titel „Time to Care – Strategien von Inklusion und Empowerment gegen Politiken der Härte“ veranstaltete die Dramaturgische Gesellschaft e.V. ihre Jahrestagung 2026 auf Kampnagel in Hamburg.

Zahlreiche Veranstaltungen und Formate luden Künstler:innen und Expert:innen mit Behinderungen und ohne Behinderungen wie auch chronisch kranke, neurodivergente und Taube Künstler:innen dazu ein, Ästhetiken und Arbeitsweisen inklusiver Theaterpraxis ins Zentrum zu rücken. Gleichzeitig wurde über Wege und Maßnahmen diskutiert, wie die Kulturszene im deutschsprachigen Raum gerechter und zugänglicher werden kann. Dabei war „Care“ als „umbrella term“, wie Schauspieler und Moderator Jan Kampmann es auf den Punkt brachte, der Begriff, der die vielen verschiedenen Ansätze miteinander verband: Als Sorge füreinander, als solidarische Praxis und als gesellschaftspolitische Haltung. Dazu standen Begriffe wie „crip time“, „aesthetics of access“, Praktiken wie „access rider“ oder „access management“ sowie Gerechtigkeit und Gleichstellung auf der Tagesordnung. Bei der inhaltlichen Entwicklung der Konferenz wurde der Vorstand der Dramaturgischen Gesellschaft (Antigone Akgün, Irina-Simona Bârcă, Hannah Egenolf, Kerstin Grübmeyer, Esther Holland-Merten, Jasmin Maghames und Michael v. zur Mühlen – sowie die Geschäftsführung Jana Thiele und die Geschäftsstellenleitung Anna Wille) von der Kuratorin und Kunstvermittlerin Kate Brehme sowie dem Regisseur, Dozenten, Kurator und Access-Berater Konrad Wolf kuratorisch beraten. An 4 Tagen versammelten sich rund 400 Konferenzteilnehmende und Referent:innen in 30 Veranstaltungen. Viele Veranstaltungen wurden mit Verdolmetschung zwischen deutscher und englischer Lautsprache, in Deutsche Gebärdensprache sowie in Leichte Sprache angeboten.

„Crip Art is about Disability as a tool, not as a topic“ (Filip Pawlak)

Eröffnet wurde die Tagung mit prominenten Grußworten von Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel, sowie Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Auf Podien, in Workshops, Probenformaten und Autor:innen- und Komponist:innengesprächen waren vertreten DJ Artin, Raphaela Bardutzky, Alina Buchberger, Daniel Cremer, Dan Daw, Matthias Döpke, Ludger Engels, Kaleb Erdmann, Leonie Graf, Anna von Haebler, Sarah Fartuun Heinze, Matthias Huber, [in]operabilities (Benjamin van Bebber, Jessica Gadani, Franziska Henschel, Leo Hofmann, Athena Lange, Emil Leske, Sophia Fia Neises, Marie-Sophie Richter, Naomi Sando-Ansorge, Susanne Tod, Jeanne Charlotte Vogt, Ladislav Zajac), Annika Jakobs, Rose Jokic, Gordon Kampe, Jan Kampmann, Georg Kasch, Joanna Kappauf, Tina Lackner, Mathias Lehmann, Anne Leichtfuß, Mascha Luttmann, Meine Damen und Herren, Lara Mettendorf, Maria Milisavljević, Anna Mülter, Barbara Mundel, Juli Reinartz, Lena Riemer, Rachel Rosen, Leela Scherbaum, Yulia Yáñez Schmidt, Anke-Elisabeth See, Dennis Seidel, Theresa Seraphin, Paulina Seyfried, Veit Sprenger, Studierende der Theaterakademie der HfMT Hamburg, Florian Vogel, Milena (Miles) Wendt, Konrad Wolf, Harald Wolff, Bastian Wurbs, Anne Zander, Clara Zehrbach, Jonas Zipf.

Care is taking the time to imagine what’s not happening yet” (Dan Daw)

Die zweitägige internationale Assembly „Artist Care – an Assembly for Active Listeners“, konzipiert und moderiert von der Performancekünstlerin und Kulturwissenschaftlerin Sibylle Peters, nahm die gesellschaftspolitische Rahmung der Tagung in den Blick – die Verhärtung und Radikalisierung der Politik weltweit, die in anderen Ländern der Welt bereits weiter fortgeschritten ist, sich aber als Tendenz auch in Deutschland abzeichnet. Daher unternahm die Assembly den Versuch, mit den Künstler:innen Tamari Chikvaidze aus Georgien, Dan Daw aus Australien, Raksak Kongseng (Big) aus den USA und Thailand, Ninia LaGrande aus Deutschland, Borisav Matić aus Serbien, Filip Pawlak aus Polen und Agata Tomšič aus Italien über Strategien von Resilienz, Widerstand und Empowerment zu sprechen und ihre internationalen Perspektiven einzuholen. Ein Kreis aus aktiven Zuhörer:innen, bestehend aus Teilnehmer:innen der Konferenz, entwickelte in einem partizipativen und kollektiven Schreibprozess aus den Gesprächsverläufen ein  Thesenpapier unter dem Titel »Towards a New Understanding of Artist Care«.

„Care is taking time to experiment…and build the worlds we want to exist in. Care is taking the time to imagine what’s not happening yet.“, formulierte Dan Daw – und beschrieb Care damit als vorausschauende, gestaltende Praxis.

Inklusive Kunstpraktiken und strukturelle Fragen

Besonders zentral in allen Diskussionen wurde „disabled leadership“ als eines der wichtigsten Instrumente diskutiert, um Theater- und Kulturarbeit in Zukunft selbstverständlich inklusiv zu gestalten. Auf dem Panel „Cripping Kuratieren“ (Moderation Paulina Seyfried) mit Dan Daw, künstlerischer Leiter der disabled-led Company Dan Daw Creative Projects, der Kuratorin und Festivalleiterin Anna Mülter (Theaterformen) und der Schauspielerin und Kuratorin Yulia Yáñez Schmidt (No Limits Festival) wurde deutlich: Nur wenn Menschen mit gelebter Behinderungserfahrung in Leitungspositionen sind, werden sich langfristig und nachhaltig Strukturen verändern.

Auf weiteren Veranstaltungen standen Fragen von Autor:innenschaft und Ästhetiken im inklusiven Schreiben, Audiodeskription zwischen Barrierefreiheit und künstlerischer Praxis, Entscheidungsfindung und Fürsorge in inklusiven Spielensembles sowie neue Perspektiven im Musiktheater zur Diskussion – etwa durch das Kollektiv [in]operabilities, das an einem vielsinnlichen Musiktheater arbeitet und unterschiedliche Wahrnehmungsweisen zum Motor künstlerischer Arbeit macht.

Der Dramaturg und ehemalige Vorsitzende der dg, Harald Wolff, betonte auf einem Panel zum Thema „crip time“ und „care work“, dass insbesondere Dramaturg:innen den dringend benötigten Wandel mitgestalten müssen und können: „Wir müssen mit den Systemen und Strukturen spielen – genau das ist unsere Kernkompetenz. Also: kreative Lösungen finden und den Betrieb nicht als starr, sondern als flexibel und krisenresilient wahrnehmen und weiterentwickeln.“ Zum Beispiel durch Probenzeiten und Arbeitsweisen, die allen gerecht werden – Menschen mit Behinderungen ebenso wie caregebenden Personen. Choreografin und crip time-Forscherin Juli Reinartz beschrieb, wie sie in ihrer eigenen künstlerischen Praxis daran forsche, sowohl ihren eigenen, als auch den Bedarfen des Publikums gerecht zu werden. Und Anna von Haebler von den Bühnenmüttern e.V. ermutigte dazu, sich im Dialog mit Behörden und Institutionen nicht abweisen zu lassen.

Auf einem Panel über die Weiterentwicklung von künstlerischen Ausbildungen betonten u.a. Ludger Engels, Direktor der Akademie für Darstellende Künste BaWü, und Kurator und Berater Konrad Wolf, dass hier bereits die Transformation der Kulturszene anfange, indem Hochschulen die Voraussetzungen schaffen, künstlerischen Nachwuchs mit unterschiedlichsten Bedarfen auszubilden. Ludger Engels unterstrich die Notwendigkeit, gezielt künstlerischen Nachwuchs mit Behinderungen zu fördern – als Voraussetzung dafür, künftig auch Leitungspositionen, Professuren und Hochschulleitungen divers besetzen zu können.

Zugänglichkeit ist ein Menschenrecht

Die abschließende Podiumsdiskussion der Jahrestagung nahm mit Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, der Kulturproduzentin und Forscherin Paulina Seyfried, mit Veit Sprenger als Künstler des Performancekollektivs Showcase Beat Le Mot und Jonas Zipf, Geschäftsführer Kampnagel Hamburg, zukünftige Perspektiven und institutionelle Rahmenbedingungen für inklusive Theaterarbeit in den Blick. Barbara Mundel hob die Dringlichkeit hervor, Inklusion in den festen Budgets und Strukturen der Theater zu verankern und als relevante Kriterien bei der Besetzung von Leitungspositionen politisch zu implementieren. Paulina Seyfried betonte, dass ungeklärte Machtverhältnisse und die Angst vor Privilegienverlust die zentralen Hürden echter inklusiver Kollaboration seien.Veit Sprenger brachte auf den Punkt: „Unsere Kunst hat durch Crip Time und Pacing sehr gewonnen.“ Und Moderator Georg Kasch formulierte deutlich: „Zugänglichkeit ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht.“

70 Jahre Dramaturgische Gesellschaft

Im Rahmen der Konferenz feierte die Dramaturgische Gesellschaft zudem ihr 70-jähriges Bestehen. Eine dreisprachige Jubiläumspublikation (Deutsch, Englisch, Leichte Sprache) mit Beiträgen von Amir Gudarzi, Miriam Ibrahim, Tamm Reynolds sowie Eva Lange und Carola Unser-Leichtweiß reflektiert Gegenwart und Zukunft des Begriffes „Care”.

Ebenso gab die Tagung Raum für ein Treffen der theaterpolitischen Netzwerke Netzwerk Regie, dramaturgie-netzwerk und ensemble-netzwerk zum Status quo von Theaterreformen und gemeinsamen Strategien.

Gastgeber der Jahrestagung war Kampnagel Hamburg. Gefördert wurde sie von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, dem Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Bundeszentrale für politische Bildung sowie dem Landesverband Nord des Deutschen Bühnenvereins. Kooperationspartner*innen waren der Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage, das Kleist-Forum Frankfurt (Oder), Die Deutsche Bühne sowie die Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.